Legende von Hayl und Sidh
"Mama! Erzählst du uns noch eine Gutenachtgeschichte? Bitte!" bettelt das kleine Mädchen und schaut seine Mutter aus großen Augen an, die bereits die Bettdecken auf den drei kleinen Betten zurückgeschlagen hatte.
Und auch die beiden älteren Jungen warten gespannt auf die Antwort ihrer Mutter.
"Nun gut! Aber nur eine Kurze!" gibt sie schließlich nach und scheucht ihre Kinder erst einmal lachend in ihre Betten, bevor sie einen kleinen Stuhl in die Mitte des weißen Zimmers stellt.
"Also! Was wollt ihr hören?" fragt sie, nachdem alle bis zum Kinn zugedeckt sind.
"Erzähl uns von Lasz dem großen Wasserfall. Wie ist es möglich, dass er direkt aus dem Himmel kommt?" fragt der Älteste mit leuchtenden Augen und die beiden anderen stimmen begeistert zu.
Eine zeitlang blickt ihre Mutter noch verträumt vor sich hin, bevor sie leise zu erzählen beginnt:
"Vor langer Zeit lebten in Finistai zwei Brüder ... sie waren fast gleich alt und beide hatten die außergewöhnliche Eleganz der Linaar. Sie verrichteten ihre Arbeiten stets gemeinsam und sehr sorgfältig, verstanden sich fast blind und vertrauten sich alles an.
Und so wusste der Ältere der Beiden auch als Einziger das Geheimnis des Jüngeren ... denn dieser war bis über beide Ohren in eine Tai verliebt ... eine der seltenen Wesen aus dem Zauberwald ... eine Berührung von ihnen und das Opfer wird zu Stein ... sollte einer von ihnen jedoch je ein Opfer mit Liebe im Herzen berühren, dann würde er mit zu Stein werden.
Und deshalb litt Hayl ... der Jüngere der Brüder, denn seine Liebe war hoffnungslos ... konnte er sie doch nie in seine Arme nehmen ... so blieben immer nur kurze Stunden liebevoller
Gespräche.
Doch mit jedem Mal wo Hayl aus dem Zauberwald zurückkehrte wurde er stiller und seine Augen drückten immer mehr Qualen aus ... so dass schließlich auch Tahn von seinem Schmerz getroffen wurde ... doch er konnte ebenfalls nichts tun.
An sich hätte dieser Schmerz und die Qual ewig so weiter gehen können, doch die Eltern der beiden kamen dahinter ... lüfteten das Geheimnis und verboten Hayl jeglichen Kontakt mit seiner Geliebten.
Zuerst fügte sich Hayl, weil er seine Eltern liebte, doch so schlimm der Liebesschmerz zuvor gewesen war, so unerträglich war er jetzt, nachdem er sie nicht einmal mehr sehen konnte und so beschloss er das Versprechen zu brechen.
Und Than begleitete seinen jüngeren Bruder in den Zauberwald wo sie die schöne Sidh weinend an ihrem Treffpunkt fanden ... auch ihre Eltern hatten das selbe Urteil gefällt.
Getroffen von so viel Leid, ließ Than die Beiden allein und wachte in einiger Entfernung über sie und er brauchte nicht einmal lange warten, als er sowohl seine eigenen Eltern, als auch die der kleinen Tai auf sich zustürmen sah.
Erschrocken ging er zu den beiden zurück und sagte ihnen was passiert sei, doch es war kaum nötig, denn in diesem Moment brachen ihre Eltern bereits auf die stille Lichtung.
Zeternd fielen sie übereinander her und warfen sich gegenseitig Vorwürfe an den Kopf, bevor sie versuchten das Paar zu
trennen.
Than sah unentschlossen zu, doch als er den Blick seines Bruders und den Sidhs auffing, wusste er was er tun musste. Er hasste sich dafür, aber er versetzte seinem Vater einen Schlag der ihn zurücktaumeln lies und somit Hayl freiließ ... erst dann ging er auf Sidhs Vater zu und zerrte ihn von ihr weg ... dabei stolperte er und fiel auf die Knie. Als er hochsah ... berührte ihn die Hand des Tai und er erstarrte zu Stein.
Doch das Letzte was er sah, war wie sich sein Bruder und Sidh in die Arme fielen und eng umschlugen ebenfalls zu Stein erstarrten ... die Gesichter von Liebe gezeichnet und frei von Schmerz.
Und dieses Ereignis erlaubte es Than nicht still zur Ruhe zu gehen, denn von da an war er der Wächter der Liebenden.
Und seitdem existiert Lasz, denn es sind die Tränen Thans die er immer noch für die unglückliche Liebe seines Bruders und ihrer dreier Tod weint. Doch sein anderes Auge strahlt vor Freude, da sie am Ende glücklich waren."
Schweigen breitet sich in dem kleinen Zimmer aus und jeder hängt seinen eigenen Gedanken nach, bevor das kleine Mädchen die Stille durchbricht: "Das ist aber eine traurige Geschichte Mama!"
"Mmh! Vielleicht ... aber auf eine ganz besondere Weise nahm die Geschichte ja auch ein gutes Ende ... aber das sollte jeder selbst wissen ... es ist eine Geschichte zum nachgrübeln ... aber jetzt schlaft erst einmal ... morgen könnt ihr mehr darüber nachdenken."
Damit steht sie lächelnd auf und verlässt das Zimmer.
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