Herbstzauber

"Was ist Hadlyn? Warum starrst du so gedankenverloren vor dich hin?" fragte Lyriel ihren jungen Schüler leise, als sie ihn wieder einmal träumend über einem Buch sitzend fand.
Leicht erschrocken zuckte dieser zusammen, als er die Stimme seiner Lehrerin unvermittelt neben sich hörte. Er zwinkerte ein paar mal mit seinen Augen, bevor er sich wieder zurechtfand und sich seiner Lehrerin zuwandte.
"Ich habe gerade ein wenig in dieser Kopie von Yale-kron gelesen. Um genauer zu sein von Faranor. Hier steht das dort gerade der Herbst beginnt. Was ist der Herbst?"
"Komm mit! Ich erkläre es dir draußen, damit wir die anderen nicht beim lesen stören." Flüsterte sie als Antwort und ging leise durch die schmalen Reihen von Tischen, an denen mancher Schüler, aber auch die ehrwürdigen Meister von Walei in zahlreichen Büchern und Schriftrollen lasen. Dichtauf folgte ihr Hadlyn; das kleine Buch das er gerade gelesen hatte in der Hand.
Als sie die kleine Studierstube verlassen hatten, wie sie es fast an jeder Ecke in Walei gab, ging Lyriel noch einige Schritte zum nächsten offenen Platz, bevor sie sich dort am Rande eines kleinen Springbrunnens auf den kühlen Stein setzte. Hadlyn nahm nur wenig später neben ihr Platz und schaute sie abwartend an.
Er wusste das seine Meisterin sich immer erst sammelte und genau überlegte wie sie eine Erklärung anfangen sollte, bevor sie sprach. Im Laufe der Zeit hatte er dies zu schätzen gelernt, denn viele Meister aus dem Volk der Kley verstrickten sich bald in ihren Ausführungen, so dass man nichts mehr verstand.
Schließlich begann sie, wie immer, mit einer Frage: "Kennst du die Begriffe Frühling, Sommer und Winter?"
"Die ersten beiden schon. Sie stehen ebenfalls hier in diesem Buch, aber ich konnte auch mit ihnen nichts anfangen. Aber Winter habe ich noch nie gehört."
"Das ist auch kein Wunder, denn bei euch in Hilnor kennt ihr keine Jahreszeiten."
"Jahreszeiten? Was ist das? Und was hat das damit zu tun?"
Lyriel schmunzelte. Ihr Schüler war wieder einmal stürmisch dabei etwas neues zu entdecken.
"Frühling, Sommer, Herbst und Winter! Sie sind die vier Jahreszeiten wie es sie in der Heimatwelt der Träumerin gibt. Sie teilen ein Jahr in vier Abschnitte, in denen die Natur in den unterschiedlichsten Stadien ist. Im Winter schläft die Natur und es ist meist ziemlich kalt. Und wenn die Menschen Glück haben, dann schneit es und es sieht bei ihnen genauso aus wie in meiner Heimat Romnor. Im Frühling dann erwacht die Natur zu neuem Leben. Die Bäume bekommen neue Blätter, das Gras wird wieder grün und die Blumen fangen wieder an zu wachsen und zu blühen. Es ist als würde die Welt tief durchatmen und neue Kraft schöpfen. Im Sommer dann ist alles in herrlichen Farben und alles gedeiht und strotzt nur so vor Kraft. Es ist warm und die Früchte der Natur fangen an zu wachsen und zu reifen. Und im Herbst versiegt langsam die grüne Pracht und weicht einem stillen einschlafen. Sozusagen die Vorbereitung für den Winter."
Hadlyn hatte seiner Meisterin gebannt zugehört und es brannten ihn Fragen auf den Lippen.
"Gibt es denn dann in Faranor keinen Winter?"

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